Ausstellungseröffnung: Analoge Fotografie von Jean-Marie De Bonte

Wabi, die Konzentration auf das Wesentliche als Prinzip

Einführende Erklärung

Wabi, die Konzentration auf das Wesentliche als Prinzip. Untrennbar von Sabi, der Patina, dem Lauf der Zeit ... Diese beiden Prinzipien finden sich in der gesamten japanischen Dichtung wieder. Sie haben jedoch niemals ein Hindernis für die Moderne, die Sprache und den gesunden Menschenverstand dargestellt. In diesem Kontext erscheint mir die Form des Ausdrucks der Haikus unendlich subtil und beschäftigt mich fortwährend. Sie hilft mir ganz einfach zu leben!

Ein einfacher Ansatz wäre, sich hinter eine einfache Illustration ode reine Definition der Haiku als japanische Kurzgedichte (aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten bestehend) zurückzuziehen. Aber Definitionen gebären keine Gedichte… allenfalls helfen sie uns, die Phänomene zu verstehen, die wir erleben. Haiku ist in erster Linie ein Lebensstil, eine Art und Weise die Komplexität der Welt in einer einfachen Momentaufnahme zu begreifen.

Ich habe eine besondere Beziehung zu der Pflanzenwelt. Pflanzen, Bäume und Wildkräuter haben das Privileg, das Universum sowohl durch ihren Wurzeln als auch durch ihr Astwerk zu erforschen. Die Pflanzenwelt stellt eine direkte Verbindung zwischen den beiden Fermenten der Seele dar: der Erde und dem Himmel. Der Mensch kann dieses Schauspiel, aus dem heraus die Poesie der Welt entspringt, nur bewundernd betrachten. Einige, wie auch Basho und Issa sind Monate, Jahre auf der Suche nach Yugen (dem japanischem Ideal des unaussprechlichen Geheimnisses) gereist. Im Haiku ist die Suggestion eine fundamentale Grundlage, welche die Deutung allen Möglichkeiten ausgesetzt läßt. Von Beobachtungen der Natur berichtend, laden sie zu einem tiefen Verständnis der Realität ein.

Meine Fotografien sind weitgehend durch die Haiku Schreibtechnik inspiriert. Ich gebe meinen „fotografischen Gedichten“ bei Spaziergängen das Leben, während derer Ablösung und kontemplative Haltung zur selbst auferlegten Regel geworden sind.  Nichts anderes zählt, als das Hier und Jetzt. Dieser Moment ist dermaßen entblößt, suggestiv, vergänglich, dass er mir fast grafisch wird. Bei dem Versuch, die Emotionen welche die Pflanzenwelt in mir erwecken, zu repräsentieren, wurden mir die offensichtlichen Kollusionen zwischen Haiku und Fotografie deutlich. Die Etymologie des Wortes „Fotografie“ lehrt uns, dass es sich um einen Schreibprozess mit und durch das Licht handelt. Mein aktueller Ansatz ist daher, meine Emotionen grafisch und in höchstmöglicher Reinheit zu übersetzen. Also eine andere Lesart, ohne Worte, in der Form eines Spaziergang anzubieten ...

Mein Vorgehen neigt dazu, die traditionellen Pfade der schwarz-weiß Film-Fotografie zu verlassen. Weit entfernt von der anthropometrischen Methode Alphonse Bertillons, in welcher sich der Realismus, ohne jegliche andere Möglichkeit der Interpretation als Postulat auferlegt, schafft das Bild in seinem definierten Rahmen einen Durchbruch, ja eine Öffnung in die Welt der Phantasie. Wie eine Einladung zur Meditation positioniert es die Reinheit der Linie, die Suche nach dem Wesentlichen auf der einen Seite und den Überfluss, die Opazität, und die Stofflichkeit auf der anderen Seite in ein Streitgespräch. Die Abwesenheit alles Überflüssigen unterstreicht die Schönheit des Augenblicks sowie seinen transparenten Charakter. Jede*r kann abhängig  von seiner*ihrer eigenen Sensibilität, seiner*ihrer Betrachtung Sinn geben.

Alle ausgestellten Fotografien schreiben sich vollständig in einen fotografischen Werdegang ein, welcher der Natur und ganz speziell der Pflanzenwelt gewidmet ist. Diese Efahrung gibt mir den Massstab dessen, was mir noch zu erkunden übrig bleibt, um die Sensibilität der Welt zu verstehen. 

Jean-Marie De Bonte, Autor undFotograf

Nach seiner Ausbildung am « Institut de Radioélectricité et de Cinématographie » (Hochschule für Foto- und Kinematographie) in Brüssel, wurde er von der Familie Sudre in Lyon in alte Entwicklungstechniken eingeweiht.

Ursprünglich aus Belgien, lebt Jean-Marie De Bonte seit über 20 Jahren in Frankreich und verfolgt derzeit seine Erkundungen der Pflanzenwelt rund um Potsdam (Kartzow). Die Einzigartigkeit seiner Arbeit ist auf seine Entdeckungsreisen zurückzuführen.

Als Enthusiast der Poesie, vor allem der japanischen, widmet er sich – wenn auch in aller Bescheidenheit - zugleich dem Schreiben. Dadaismus und Surrealismus sind für ihn die wesentlichen Referenzen seiner künstlerischen Laufbahn.

Er spricht nur wenig von sich selbst und zieht es vor, seinen Bildern diese riskante Übung zu überlassen.

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